Nach dem Gerierendem

 

Die Griechen haben recht, dass die Einführung des Euro eine erhebliche Aufgabe von Souveränität bedeutet. Sie haben ebenfalls darin recht, dass ihre Schuldenlast nicht tragbar ist. Und sie haben (vielleicht unbewusst) recht getan, sich auf den Weg zum Grexit zu begeben, denn außerhalb der Eurozone haben sie vermutlich eine bessere wirtschaftliche Zukunft. Denn so, wie er heute konstruiert ist (als Währungsunion ohne fiskalisches Fundament), ist der Euro eine Fehlkonstruktion.

Das Grundproblem hat sich mit dem OXI allerdings nicht geändert. Die Europäer werden kein zusätzliches Geld in einen Staat investieren wollen, von dem sie annehmen müssen, dass er nicht gut damit umgeht. Selbst wenn man jetzt den großen Schuldenschnitt macht und sogar noch frisches Geld nach Griechenland schickt, steht das Land in 10 Jahren vermutlich wieder genau da, wo es jetzt steht. In Argentinien ist das etwa ähnlich gelaufen. Schuldner müssen ihren Gläubigern immer etwas bieten, woran diese glauben können, sonst gibt es keinen Kredit mehr (dieser leitet sich ja vom lateinischen „credo“, ich glaube, ab). Weiterlesen

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Das Comeback der Zinsen

 

Noch vor wenigen Wochen wurde der EZB in der deutschen Presse vorgeworfen, sie enteigne durch ihre quantitative Lockerungspolitik, sprich den Kauf von Staatsanleihen im Volumen von €60 Mrd. pro Monat, den deutschen Sparer und mache damit eine sinnvolle Altersvorsorge nahezu unmöglich. Aus diesem Grund stießen die jüngsten Schwankungen an den Anleihemärkten in Europa und den USA auf besonderes Interesse. Anders als in der Vergangenheit kam die Initialzündung diesmal aus Deutschland und nicht aus den USA.

Der Anstieg der Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen von nahezu 0% Mitte April auf zuletzt 1% sieht zwar auf den ersten Blick wenig spektakulär aus, die täglichen Renditeänderungen von bis zu 0,20% sind allerdings die höchsten seit der Einführung des Euro im Jahr 1999. Weiterlesen

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Vom Greferendum zum Tsiprexit

 

Schäuble und Varoufakis bei den Verhandlungen am Wochenende

Am Wochenende hat die griechische Regierung gezeigt, dass es ihr ernst ist mit dem Ruf „Sieg oder Untergang“. Da ein Sieg angesichts ihrer Inkompetenz ausgesprochen unwahrscheinlich ist, werden wir in den nächsten zwei bis drei Wochen wohl eine neue Regierung in Griechenland haben. Eine Regierung, die ihr Team in Brüssel über Twitter über das Ende der Verhandlungen informiert, die Sonntag früh behauptet, Kapitalverkehrskontrollen seien unnötig (um sie dann am Abend zu verhängen), ein Ministerpräsident, der behauptet, die Bankeinlagen seien sicher (weil die Banken geschlossen sind) – das kann nicht mehr lange gut gehen.

Wir haben schon früh (im Börsenblatt Nr. 104) darüber spekuliert, dass Tsipras sich nicht lange werde halten können mit seinem widersprüchlichen Wahlversprechen vom reform- und schmerzfreien „weiter wie früher“ innerhalb der Eurozone. Schließlich sind es mehr als 72 Tage geworden,  dazu gratulieren wir, aber die Zeit ist dennoch bald um. Weiterlesen

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Zum Prioritätsstreit von Fressen und Moral

 

Moralische Überlegungen sind im Prinzip nichts Neues

Das Sommertheater beginnt spätestens im Juni. Die Amerikaner interessieren sich plötzlich für Fußball (was die FIFA immer gehofft hatte, aber nun stellt sich die Begegnung als ein Auswärtsspiel heraus). Die Griechen gehen wie jedes Jahr in die entscheidende Phase ihrer ökonomischen Zukunftsgestaltung. Und die Chinesen haben eine lustige Blase an ihrem Aktienmarkt produziert.

Letztere verdient eine kurze Erläuterung, Weiterlesen

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Warum eigentlich nicht ETFs?

 

Als in den 1870er-Jahren der Siegeszug der Fotografie immer offensichtlicher wurde, machte sich unter den Kunstmalern blanke Verzweiflung breit. Fotografien waren genauer in der Abbildung, billiger und schneller in der Herstellung und überall verfügbar. Spätestens mit der bereits absehbaren Erfindung der Farbfotografie, so die allgemeine Überzeugung, würde  die eigene Kunst überflüssig werden, würde niemand mehr ein Gemälde kaufen oder gar bestellen. Weiterlesen

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Der Sturzflug des Euro

 

Vor nicht einmal 12 Monaten kratzte der Wechselkurs des Euro an der Marke von 1,40 US-Dollar und allerorten wurde über eine weitere Aufwertung der Gemeinschaftswährung spekuliert. EZB-Präsident Draghi drückte seinerzeit seine tiefe Besorgnis über die Euro-Stärke aus und versprach Gegenmaßnahmen. Zwar ist der Wechselkurs keine direkte Zielgröße der EZB, aber der seit der Finanzkrise deutlich überbewertete Euro belastete die konjunkturelle Erholung und erschwerte der EZB  den Kampf gegen deflationäre Tendenzen. Weiterlesen

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Der feine Unterschied (zwischen Zinsen und Dividenden)

 

Horaz: Immer etwas nachdenklich. Insgesamt kein Typ für Aktien

Aequam memento rebus in arduis
servare mentem, non secus in bonis
ab insolenti temperatam
laetitia, moriture Delli.[1]
 
Horaz, Oden 2,3
 

Niemand wusste über die Notwendigkeit, seine Emotionen zu kontrollieren, besser Bescheid, als die Römer. Der Gleichmut wird dort besungen wie sonst nirgendwo in der Antike. Gewiss finden sich auch bei den Griechen schöne Gedanken zu diesem Thema (insbesondere bei Thukydides), aber Verzweiflung oder Überschwang sind bei den Griechen sozial durchaus akzeptabel – was für die Römer überhaupt nicht zutrifft. Daher ist man bei der römischen Literatur am besten aufgehoben, wenn man mal tapfer sein muss. Weiterlesen

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Die 72 Tage der Kommune von Athen

 
J’y suis, j’y reste
Marschall Mac-Mahon
 

Die Euro-Krise ist dabei, sich in eine soziale Auseinandersetzung zu wandeln und damit eine neue Qualität zu bekommen. Sollte sich diese Tendenz in den nächsten zwei oder drei Monaten bestätigen und verfestigen, wäre die nächste Ausprägung der Krise deutlich schwerer zu reparieren als die letzte.

Sturz der Schäuble-Statue in Athen

Bislang standen eher die kulturellen Differenzen im Vordergrund (sparsame Protestanten gegen den lebensfrohen Rest der Christenheit), nun geht es aber ernsthaft ums Geld und das gibt der Krise eine neue Schärfe. Dazu ist es etwa folgendermaßen gekommen: In den 90er- und 00er-Jahren haben die großen westeuropäischen Banken bereitwillig an Griechenland (und die anderen Länder der „Peripherie“, Griechenland steht hier nur pars pro toto) Geld ausgeliehen, obwohl der Staat offensichtlich schlecht verwaltet war und das Land über seine Verhältnisse lebte (d.h. ein großes Leistungsbilanzdefizit hatte). Als das Kartenhaus im Jahr 2010 zusammenbrach, befanden sich die Banken in keinem guten Zustand – hatte der Staat sie doch erst 2008 nach der Lehman-Pleite stützen müssen. Die Bevölkerung in Europa hatte diese Bankenrettung nicht gut aufgenommen („Bankster!“, „Occupy!“), sodass die Regierungen sich für eine indirekte Rettung entschieden: Es wurde ein Rettungspaket für Griechenland nach dem anderen geschnürt (mit einem Gesamtvolumen von € 227 Mrd.), dessen Inhalt aber weitgehend an die Gläubigerbanken weitergereicht werden musste. Diese Kredite machen nun 125% der Wirtschaftsleistung Griechenlands aus (insgesamt liegt die Staatsschuld bei 175%). Von diesen Krediten flossen aber nur 11% in die Finanzierung staatlicher Aktivitäten. Der Rest floss mehr oder weniger direkt zurück an die westeuropäischen Geldgeber, um derentwillen die Pakete eigentlich geschnürt worden waren – und an die griechischen Banken und von dort aus weiß Gott wohin. Weiterlesen

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O Sancta Simplicitas!

 

Truth is ever to be found in simplicity, and not in the multiplicity and confusion of things. As the world, which to the naked eye exhibits the greatest variety of objects, appears very simple in its internal constitution when surveyed by a philosophical understanding, and so much the simpler by how much the better it is understood.
Isaak Newton

Schwierig und mühsam ist es, einfach zu leben.
Gontscharow, Oblomow Weiterlesen

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Oktober-Timing

 

Die Börse lebt mit den Jahreszeiten, nicht weniger als die Landwirtschaft. Sie hat ihre Bauernregeln („Sell in May and go away“), ihre gute Zeit (November bis April) und ihre Crash-Monate (September und Oktober). Man sollte die Analogie nicht überstrapazieren („Der dümmste Bauer erntet die dicksten Kartoffeln“), aber an einer Stelle ist sie profund und unübersehbar: Bauern und Börsianer versuchen sich in der Kunst der Vorhersage. Die Zeitungen entdecken zum Jahresende alte Bauern aus irgendwelchen Pfaffenwinkeln, welche die Fähigkeit besitzen, das Wetter im kommenden Jahr vorauszusagen. Und sie befragen die Analysten der bedeutenden Handelshäuser, wo DAX und Dow am Ende des nächsten Jahres stehen werden. Weiterlesen

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